6. Oktober 2021

Lina meint zur Bezahlung von nachhaltiger Arbeit

„losgedacht“ ist eine Notizen-Rubrik aus unserem monatlichen Newsletter! Hier kommen Einzelne aus den Mitgliedsverbänden, aus den Vorständen, aus den Geschäftsstellen usw. zu Wort und teilen ihre Sicht der Dinge mit. Im Zentrum steht ein selbst gewähltes Thema – egal ob aktuelles Ereignis, Projekt oder (politische) Entwicklung – hier wird einfach mal losgedacht und eine persönliche Meinung sichtbar gemacht. Lina Schnabel arbeitet seit August bei unserem Bremer Kooperationspartner Naturkultur e.V. und hat sich für „losgedacht“ Gedanken dazu gemacht, warum nachhaltige Arbeit in unserer Gesellschaft so wenig gewertschätzt wird …


Meine Gedanken richten sich in letzter Zeit viel auf das Zusammenspiel unseres kapitalistischen Systems und dem „good cause“. Ein Beispiel hierfür kam mir zuletzt beim Hören eines meiner Lieblingspodcasts unter. Hier wurde besprochen, dass die Bediensteten des Buckingham Palace für ihre Arbeit nicht besonders hoch entlohnt würden, die Gesprächspartner_Innen waren zunächst erstaunt darüber. Wo solle man denn als Bedienstete_R sonst mehr Geld verdienen, gerade am Hof müsse man doch gut bezahlt werden. Die Argumentation des Königshauses klingt  erschreckend logisch: Man wolle sicher sein, die Bediensteten täten ihre Arbeit nicht für das Geld, sondern aus Loyalität zum Königshaus. Eben weil sie es unbedingt wollen. Das ist doch mal was!


Gleich vorweg: Ja, ich bin eine sogenannte Millenial und habe demnach wohl ein Interesse an einer ausgeglichenen „work-life-balance“ und habe studiert um einer Arbeit mit „impact“ nachzugehen (gern geschehen Welt!). Nun sah ich mich aber oftmals damit konfrontiert in der Sozialen Arbeit tätig zu sein und damit verhältnismäßig wenig Geld zu verdienen. Ich habe ja immerhin sieben Jahre für mein Studium gebraucht und da war es für viele Menschen in meinem
sozialen Umfeld durchaus schwer zu verstehen, warum ich keinen Geldtresor á la Dagobert Duck besitze. Andererseits kommen in diesen Gesprächen auch oft Aussagen wie: „Naja, wenn man in der Sozialen Arbeit unterwegs ist, geht man ja davon aus, wenig Geld zu verdienen“ oder „Du wusstest ja, worauf du dich einlässt“. Ach so?


Die Frage, die sich mir zwangsläufig aufdrängt: Warum ist das so? Die Welt in der ich leben möchte, ermöglicht es Menschen andere Menschen zu unterstützen und damit gleichzeitig viel Geld zu verdienen. Die Systemkritik folgt dieser Frage auf dem Fuße: Pflegenotstand, Klimakrise sowie viele Menschen, die zu uns nach Europa fliehen und auf ein rassistisches System treffen und so weiter.


Wie können wir es als Gesellschaft gemeinsam schaffen, den „good cause“ attraktiv zu machen? Vor allem für diejenigen, die ihr Geld momentan mit Geschäften verdienen, welche dem Planeten und den darauf existierenden Lebewesen aktiv schaden. Dem liegt zu Grunde, dass das Bewusstsein, für die Schwächen des Kapitalismus verschärft werden muss. Umdenken scheint wohl angebracht, gerade jetzt müssen wir uns Alternativen zur systematischen Ausbeutung unseres Planeten und der darauf Lebenden einfallen lassen. Der Gedanke ist eigentlich sehr simpel. Wäre es nicht unheimlich gut, wenn wir uns nicht zwischen Geld verdienen und der Loyalität gegenüber unserer Gesellschaft entscheiden müssten, sondern beides haben könnten? Um dieser Frage mehr Ausdruck zu verleihen schließe ich mit einem Zitat der Autorin Sally Rooney aus ihrem Roman „Schöne Welt, wo bist du“ ab: „Die Leute glauben, dass Sozialismus durch Gewalt aufrechterhalten wird – durch Zwangsenteignungen – , aber ich wünschte, sie würden einfach zugeben, dass der Kapitalismus durch genau dieselbe Gewalt aufrechterhalten  wird, nur eben in die entgegengesetzte Richtung: die gewaltsame Wahrung bestehender Eigentumsverhältnisse“ ( ebd. Claasen, 2021).


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